Buchfetzen.

Entweder - Oder, Teil I und II
Sören Kierkegaard
dtv GmbH & Co. KG, München
ISBN 3-423-13382-1



 
Der Unglücklichste - Eine begeisterte Ansprache an die [..]
Peroration in den Freitagszusammenkünften

BEKANNTLICH SOLL es irgendwo in England ein Grab geben, das sich nicht durch ein prachtvolles Monument oder eine Wehmütige Umgebung auszeichnet, sondern durch eine kleine Inschrift – „Der Unglücklichste“. Man soll das Grab geöffnet, aber keine Spur von einer Leiche gefunden haben. Was erregt mehr Verwunderung: dass man keine Leiche fand, oder dass das Grab geöffnet? Seltsam fürwahr, dass man sich die Zeit genommen hat, nachzusehen, ob jemand darinliege. Wenn man auf einem Epitaph einen Namen liest, so ist man leicht versucht, darüber nachzudenken, wie wohl das Leben dieses Menschen in der Welt dahingeronnen sei; man könnte wünschen, zu ihm ins Grab zu steigen, um sich mit ihm zu unterhalten. Jene Inschrift aber ist überaus bedeutungsvoll! Ein Buch kann einen Titel haben, der einen zum Lesen reizt, aber ein Titel kann auch an sich so gedankenreich, so persönlich ansprechend sein, dass man das Buch selbst niemals lesen wird. Fürwahr, jene Inschrift ist überaus bedeutungsvoll, je nachdem wie man gestimmt ist, erschüttend oder erfreulich - für einen jeden, der sich im Stillen etwa heimlich dem Gedanken anverlobt hat, dass er, der Unglücklichste sei. Doch kann ich mir auch einen Menschen vorstellen, dessen Seele derartige Beschäftigungen nicht kennt, ihm ist es nur eine Aufgabe für seine Neugierde gewesen, zu erfahren, ob wirklich jemand in diesem Grab liege. Und siehe, das Grab war leer! Ist er etwa wieder auferstanden, hat er etwa des Dichterwortes spotten wollen: 
 

- im Grab ist Frieden allzeit;
sein stummer Bewohner weiß nichts von Leid;


fand er keine Ruh, auch im Grab nicht, irrt er vielleicht unstet in der Welt umher, ist er fortgegangen von Haus und Heim und hat nur seine Anschrift hinterlassen! Oder ist er noch nicht gefunden, er, der Unglücklichste, den selbst die Eumeniden nicht verfolgen, bis er die Tür des Tempels findet und die Bank der demütig Bittenden, den aber Kummer und Leid am Leben erhalten, Kummer und Leid bis ins Grab begleiten!
Sollte er noch nicht gefunden sein, so lasst uns, liebe [..], als Kreuzritter eine Wanderung antreten, nicht nach jenem heiligen Grab im glücklichen Osten, sondern nach jenem traurigen Grab im unglücklichen Westen. An jenem leeren Grabe wollen wir ihn suchen, den Unglücklichsten, fest überzeugt, dass wir ihn finden; denn wie die Sehnsucht der Gläubigen nach dem heiligen Grabe verlangt, so zieht es die Unglücklichsten nach Westen zu jenem leeren Grabe hin, und ein jeder ist von dem Gedanken erfüllt, dass es für ihn bestimmt sei.
Oder sollten wir eine solche Überlegung nicht als würdigen Gegenstand unserer Betrachtung ansehen, wir, deren Tätigkeit, auf dass ich den heiligen Büchern unserer Gesellschaft entspreche, Versuche in der aphoristischen zufälligen Andacht sind, wir, die wir nicht aphoristisch denken und sprechen, sondern aphoristisch leben, wir, die wir [..] und segregati leben, als Aphorismen, ohne Gemeinschaft mit den Menschen, unteilhaftig ihrer Leiden und ihrer Freuden, wir, die wir nicht Mitlauter sind im Lärm des Lebens, sondern einsame Vögel in der Stille der Nacht, nur gelegentlich einmal versammelt, um uns zu erbauen, von den Vorstellungen von der Armseligkeit des Lebens, von der Länge des Tages und der unendlichen Dauer der Zeit, wir, liebe [..], die wir nicht glauben an das Spiel der Freude oder an das Glück der Toren, wir, die wir an nichts glauben als an das Unglück.
Seht, wie sie sich herandrängen in zahlloser Menge, alle die Unglücklichen. Jedoch, viele sind ihrer, die sich berufen wähnen, wenige nur sind auserwählt. Eine Trennung soll zwischen ihnen befestigt werden – ein Wort, und der Haufe verschwindet; ausgeschlossen sind nämlich ungebetene Gäste, alle die, welche meinen, dass der Tod das größte Unglück sei, welche unglücklich wurden, weil sie den Tod fürchten; denn wir, liebe [..], wir, gleich den römischen Soldaten fürchten den Tod nicht, wir kennen schlimmeres Unheil, und in erster Linie vor allem anderen – das Leben. Ja, wenn es einen Menschen gäbe, der nicht sterben könnte, wenn es wahr ist, was die Sage erzählt von jenem ewigen Juden, wie sollen wir Bedenken tragen, ihn für den Unglücklichsten zu erklären? Da ließe es sich erklären, warum das Grab leer war, nämlich um damit anzuzeigen, dass der Unglücklichste der sei, der nicht sterben, der nicht dem Grab entschlüpfen könnte. Da wäre die Sache entschieden, die Antwort leicht: denn am unglücklichsten wäre, wer nicht sterben könnte, glücklich, wer es könnte; glücklich, wer im Alter stürbe, glücklicher, wer in seiner Jugend stürbe, am glücklichsten, wer schon stürbe, indem er geboren würde, am allerglücklichsten, wer nie geboren wäre. Aber so ist es nicht, der Tod ist das allen Menschen gemeinsame Glück, und sofern also der Unglücklichste noch nicht gefunden ist, muss er innerhalb dieser Begrenzung zu suchen sein.
Seht, der Haufe verschwand, die Zahl hat sich vermindert. Nicht sage ich jetzt: schenkt mir eure Aufmerksamkeit, denn ich weiß, ich habe sie bereits; nicht: leiht mir euer Ohr, denn ich weiß, es gehört mir schon. Eure Augen funkeln. Ihr erhebt euch von den Sitzen. Es ist ein Wettstreit, an dem teilzunehmen es sich wohl lohnt, ein Kampf noch schrecklicher, als wenn es bei ihm auf Tod und Leben ginge; denn den Tod fürchten wir nicht. Die Belohnung aber, ja, die ist stolzer als jede andere auf dieser Welt, und gewisser; denn wer versichert ist, dass er der Unglücklichste sei, der braucht ja das Glück nicht zu fürchten, der muss die Demütigung nicht schmecken, in seinem letzten Stündlein rufen zu müssen: Solon, Solon, Solon!
So eröffnen wir denn einen freien Wettbewerb, von dem niemand, weder durch seinen Stand noch durch sein Alter, ausgeschlossen sein soll. Ausgeschlossen ist niemand, außer dem Glücklichen und dem, der den Tod fürchtet – willkommen ist jedes würdige Mitglied aus der Gemeinde der Unglücklichen, der Ehrenplatz jedem wirklich Unglücklichen bestimmt, das Grab dem Unglücklichsten. Meine Stimme schallt in die Welt hinaus, hört sie, ihr alle, die ihr euch Unglückliche nennt in der Welt, aber den Tod nicht fürchtet. Meine Stimme schallt zurück in die Vergangenheit; denn wir wollen nicht so sophistisch sein, die Verstorbenen auszuschließen, weil sie tot sind, denn sie haben ja gelebt. Ich beschwöre euch, verzeiht, dass ich einen Augenblick eure Ruhe störe; versammelt euch an diesem leeren Grabe. Dreimal rufe ich es laut über die Welt hinaus, hört es, ihr Unglücklichen; denn keineswegs ist es unsere Absicht, diese Sache hier, in einem Winkel der Welt, unter uns abzumachen. Der Ort ist gefunden, wo sie für alle der Welt entschieden werden muss.
Doch lasst uns, bevor wir dazu übergehen, die einzelnen zu verhören, uns bereitmachen, hier als würdige Richter und Minister zu sitzen. Lasst uns unseren Geist stärken, ihn wappnen gegen die Bestrickung des Ohrs; denn welche Stimme wäre wohl so einschmeichelnd wie die des Unglücklichen, welche so betörend wie die des Unglücklichen, wenn er von seinem eigenen Unglück spricht? Machen wir uns würdig, zu Gericht zu sitzen, ihr Mitstreiter, dass wir nicht die Übersicht verlieren, uns nicht von den einzelnen verwirren lassen; denn die Beredsamkeit der Trauer ist unendlich und unendlich erfinderisch. Wir wollen die Unglücklichen in bestimmte Gruppen aufteilen, für die nur je einer das Wort führen darf; denn wir wollen nicht leugnen, dass nicht ein einzelnes Individuum das unglücklichste ist, sondern dass es eine Klasse ist; doch wollen wir darum kein Bedenken tragen, dem Repräsentanten dieser Klasse den Namen „der Unglücklichste“ zuzuerkennen, kein Bedenken tragen, ihm das Grab zuzuerkennen.

In allen systematischen Schriften Hegels gibt es einen Abschnitt der vom unglücklichen Bewusstsein handelt. Mit innerer Unruhe und Herzklopfen geht man stets an die Lektüre solcher Untersuchungen, mit der Befürchtung, man werde zuviel oder zuwenig erfahren. Das unglückliche Bewusstsein, das ist ein Wort, das, bloß zufällig im Laufe der Rede angebracht, beinahe das Blut zum Erstarren, die Nerven zum Erschauern bringt und jetzt, so ausdrücklich ausgesprochen, gleich jenem geheimnisvollen Wort in einer Erzählung Clemens Brentanos: tertia nux mors est – einen wie einen Sünder zittern lassen kann. Ach, glücklich, wer nicht mehr mit dieser Sache zu tun hat, als dass er einen Paragraphen darüber schreibt; noch glücklicher, wer den folgenden schreiben kann. Der Unglückliche ist nun derjenige, der sein Ideal, seinen Lebensinhalt, die Fülle seines Bewusstseins, sein eigentliches Wesen irgendwie außer sich hat. Der Unglückliche ist immer sich abwesend, nie sich selbst gegenwärtig. Abwesend aber kann man offenbar entweder in der vergangenen oder in der zukünftigen Zeit sein. Hiermit ist das ganze Territorium des unglücklichen Bewusstseins hinlänglich umschrieben. Für diese feste Begrenzung wollen wir Hegel danken, und nun, da wir nicht nur Philosophen sind, die dieses Reich aus der Ferne betrachten, wollen wir als Landesangehörige die verschiedenen Stadien, die hierin liegen, genauer beobachten. Der Unglückliche ist also abwesend. Abwesend aber ist man, wenn man entweder in der vergangenen oder in der zukünftigen Zeit ist. Der Ausdruck muss hier urgiert werden; denn es ist offenbar, was auch die Sprachwissenschaft uns lehrt, dass es ein tempus gibt, das gegenwärtig ist in einer vergangenen Zeit, und ein tempus das gegenwärtig ist in einer zukünftigen; zugleich aber lehrt selbige Wissenschaft uns, dass es ein tempus gibt, das plus quam perfectum ist, in dem nichts Präsentisches liegt, und ein futurum exactum von gleicher Beschaffenheit. Das sind die hoffenden und die sich erinnernden Individualitäten. Diese sind zwar in gewissem Sinne, insofern sie nämlich alle hoffend oder allein sich erinnernd sind, unglückliche Individualitäten, wenn anders nur die selber gegenwärtige Individualität die glückliche ist. Indes kann man doch in strengem Sinne die Individualität nicht unglücklich nennen, die präsentisch ist in Hoffnung oder in Erinnerung. Was hier nämlich hervorgehoben werden muss, ist, dass der betreffende Mensch präsentisch darin ist. Wir werden daraus auch ersehen, dass ein einziger Schicksalsschlag, und sei er im übrigen auch noch so schwer, einen Menschen unmöglich zu dem Unglücklichsten machen kann. Ein einzelner Schicksalsschlag kann ihm nämlich entweder nur die Hoffnung rauben und ihn daher präsentisch in der Erinnerung machen, oder nur die Erinnerung und damit präsentisch in der Hoffnung. Wir gehen nun weiter und wollen sehen, wie denn die unglückliche Individualität näher bestimmt werden muss. Zunächst betrachten wir die hoffende Individualität. Wenn nun der Mensch als hoffende [und insofern als unglückliche] Individualität sich nicht selber präsentisch ist, so wird er in strengerem Sinne unglücklich. Ein Individuum, das auf ein ewiges Leben hofft, ist zwar in gewissem Sine eine unglückliche Individualität, insofern es auf das Gegenwärtige verzichtet, ist aber doch in strengerem Sinne nicht unglücklich, weil es in dieser Hoffnung sich selbst präsentisch ist und mit den einzelnen Momenten der Endlichkeit nicht in Widerspruch gerät. Kann ein solcher Mensch sich in der Hoffnung nicht präsentisch werden, sondern verliert seine Hoffnung, hofft er von neuem und so fort, so ist er sich selbst abwesend, nicht nur in der gegenwärtigen, sondern auch in der zukünftigen Zeit, so haben wir eine Formation von Unglücklichen. Betrachten wir die sich erinnernde Individualität, so ist es ebenso. Kann sie sich in der vergangenen Zeit gegenwärtig werden, so ist sie nicht in strengerem Sinn unglücklich; kann sie dies aber nicht, sondern bleibt in einer vergangenen Zeit sich selbst beständig abwesend, so haben wir eine Formation von Unglücklichen.
Die Erinnerung ist vorzüglich das eigentliche Element der Unglücklichen, wie es natürlich ist, weil die vergangene Zeit die merkwürdige Eigenschaft hat, dass sie vorüber ist, die zukünftige, dass sie kommen soll, und man kann daher in gewissem Sinne sagen, die zukünftige Zeit liegt der gegenwärtigen näher als die vergangene. Damit nun die hoffende Individualität in der zukünftigen Zeit präsentisch werde, muss diese Realität haben, oder richtiger, sie muss für diesen Menschen Realität erhalten; damit die sich erinnernde Individualität in der vergangenen Zeit präsentisch werde, muss diese für sie Realität gehabt haben. Wenn aber die hoffende Individualität auf eine zukünftige Zeit hoffen will, die für sie noch keine Realität erhalten kann, oder der sich Erinnernde sich an eine Zeit erinnern will, die keine Realität gehabt hat, so haben wir die eigentlichen unglücklichen Individualitäten. Das erste sollte man nicht für möglich halten oder für hellen Wahnsinn ansehen, indes ist dem keineswegs so; denn zwar hofft die hoffende Individualität nicht auf etwas, das für sie keine Realität hat, aber sie hofft auf etwas, von dem sie selbst weiß, dass es nicht realisiert werden kann. Wenn nämlich eine Individualität, indem sie die Hoffnung verliert, statt eine erinnernde Individualität zu werden, weiterhin eine hoffende bleiben will, so haben wir eine solche Formation. Wenn eine Individualität, indem sie die Erinnerung verliert, oder weil sie nichts hat, woran sie sich erinnern könnte, keine hoffende werden, sondern weiterhin eine erinnernde bleiben will, so haben wir die Formation von Unglücklichen. Wenn etwa ein Mensch in das Altertum oder das Mittelalter oder irgendeine andere Zeit verlöre, so zwar, dass diese für ihn eine entscheidende Realität hätte, oder er verlöre sich in seine eigene Kindheit oder Jugend, dergestalt, dass diese eine entscheidende Realität für ihn gehabt hätte, so wäre er eigentlich keine in strengerem Sinne unglückliche Individualität. Dächte ich mir dagegen einen Menschen, der selbst keine Kindheit gehabt hätte, da dieses Lebensalter ohne eigentliche Bedeutung an ihm vorübergegangen wäre, der aber nun, indem er etwa Lehrer für Kinder würde, all das Schöne entdeckte, das in der Kindheit liegt, und der nun seiner eigenen Kindheit sich erinnern, immer auf sie zurückstarren wollte, so wäre er wohl ein recht passendes Exempel. Rückwärts würde er schließlich die Bedeutung dessen entdecken, was für ihn vorüber ist, und woran er sich doch in seiner Bedeutung erinnern würde. Dächte ich mir einen Menschen, der gelebt hätte, ohne des Lebens Freude oder seinen Genuss zu fassen, und der nun im Augenblick seines Todes ein Auge dafür bekäme, dächte ich mir, dass er nicht stürbe, was das Günstigste wäre, sondern, dass er wieder auflebe, ohne darum aber noch einmal zu leben, so würde er wohl in Betracht kommen können, wo es um die Frage geht, wer der Unglücklichste sei.
Doch wollen wir weitergehen, wir wollen uns eine Kombination der beiden beschriebenen, in strengerem Sinne unglücklichen Formationen denken. Die unglücklich hoffende Individualität vermochte nicht, sich selbst in ihrem Hoffen präsentisch zu werden, so wenig wie die unglücklich sich erinnernde. Die Kombination kann nur die sein, dass das, was den Menschen hindert, in seinem Hoffen präsentisch zu werden, die Erinnerung, das, was ihn hindert, in der Erinnerung präsentisch zu werden, die Hoffnung ist. Das liegt einerseits daran, dass er immerfort auf das hofft, woran er sich erinnern sollte; seine Hoffnung wird immer wieder Enttäuscht, aber indem sie enttäuscht wird, entdeckt er, dass es nicht daher kommt, dass das Ziel weiter hinaus geschoben wird, sondern daher, das das Ziel schon vorüber ist, dass es bereits erlebt ist oder erlebt sein sollte und somit in die Erinnerung übergegangen ist. Andererseits erinnert er sich immerfort an das, worauf er hoffen sollte; denn das Zukünftige hat er schon im Geiste aufgenommen, im Geiste hat er es erlebt und an dieses erleben erinnert er sich, statt darauf zu hoffen. Das worauf er hofft, liegt also hinter ihm, das, woran er sich erinnert, liegt vor ihm. Sein Leben ist nicht rückwärts gerichtet, jedoch in doppeltem Sinne verkehrt. Sein Unglück wird er bald spüren, mag er auch nicht begreifen, worin es eigentlich liegt. Damit er aber so recht Gelegenheit bekomme, es zu fühlen, tritt das Missverständnis hinzu, das in jedem Augenblick auf merkwürdige Weise spottet. Er genießt gemeinhin die Ehre, dafür angesehen zu werden, dass er seine fünf Sinne beisammen hat, und doch weiß er, wenn er auch nur einem einzigen Menschen auseinandersetzen wollte, wie es sich wirklich mit ihm verhält, so würde man ihn für wahnsinnig erklären. Hierüber könnte man wahnsinnig werden, und doch wird er es nicht, und das eben ist sein Unglück. Sein Unglück ist, dass er zu früh auf die Welt gekommen ist und daher stets zu spät kommt. Er ist dem Ziel irgendwie immer ganz nah, und im selben Augenblick ist er fern von ihm, er entdeckt also, dass das, was ihn jetzt unglücklich macht, weil er es hat, oder weil er so ist, gerade das ist, was ihn vor einigen Jahren glücklich gemacht haben würde, falls er es gehabt hätte, während er unglücklich wurde, wie er es nicht hatte. Sein Leben hat keine Bedeutung wie das jenes Ancaeus, von dem es üblich ist zu behaupten, über ihn sein nichts bekannt, außer dass er Anlass zu einem Sprichwort gegeben habe:

[..]

als ob das nicht mehr als genug wäre. Sein Leben kennt keine Ruhe und hat keinen Inhalt, er ist sich nicht präsentisch im Augenblick, nicht präsentisch in der zukünftigen Zeit, denn das Zukünftige ist schon erlebt, nicht in der Vergangenheit, denn das Vergangene ist noch nicht gekommen. So wird er umhergetrieben wie Latone in die Finsternis der Hyperboräer, nach des Äquators heller Insel, kann nicht gebären und ist doch immerfort wie eine Gebärende. Allein sich selbst überlassen, steht er in der weiten Welt, er hat keine Gegenwart an die er anknüpfen könnte, keine Vergangenheit nach der er sich sehnen kann, denn seine Vergangenheit ist noch nicht gekommen, keine Zukunft, auf die er hoffen kann, denn seine Zukunft ist schon vorüber. Allein hat er die ganze Welt sich gegenüber als das Du, mit dem er in Konflikt liegt; denn die ganze übrige Welt ist für ihn nur eine einzige Person, und diese Person, dieser unzertrennlich zudringliche Freund, ist das Missverständnis. Er kann nicht alt werden, denn er ist nie jung gewesen; er kann nicht jung bleiben, denn er ist schon alt geworden; er kann gewissermaßen nicht sterben, denn er hat ja nicht gelebt; er kann gewissermaßen nicht leben, denn er ist ja schon gestorben; er kann nicht lieben, denn die Liebe ist immer präsentisch, und er hat keine gegenwärtige Zeit, keine zukünftige, keine vergangene, und doch ist er eine sympathische Natur, und er hasst die Welt, nur weil er sie liebt; er hat keine Leidenschaft, nicht weil es ihm daran fehlte, sondern weil er im selben Augenblick die entgegengesetzte hat, er hat zu nichts Zeit, nicht weil seine Zeit von anderem ausgefüllt wäre, sondern weil er überhaupt keine Zeit hat; er ist ohnmächtig, nicht weil es ihm an Kraft fehlte, sondern weil seine eigene Kraft ihn ohnmächtig macht.
Doch bald ist unser Herz wohl abgehärtet genug, unser Ohr verstopft, wenn auch nicht verschlossen. Wir haben die besonnene Stimme der Überlegung gehört, lasst uns die Beredsamkeit der Leidenschaft vernehmen, kurz, bündig, wie alle Leidenschaft es ist.
Da steht ein junges Mädchen. Sie klagt, ihr Geliebter sei ihr untreu geworden. Darauf kann nicht reflektiert werden. Aber sie hat ihn allein geliebt auf der ganzen Welt, sie hat ihn geliebt von ganzer Seele, von ganzem Herzen und von ganzem Gemüt – so kann sie ja sich erinnern und trauern.
Ist es ein wirkliches Wesen oder ist es ein Bild, ist es eine Lebendige, die stirbt, oder eine Tote, die lebt? Es ist Niobe. Sie hat alles auf einmal eingebüßt; sie hat verloren, dem sie das Leben gab, sie hat verloren, was ihr das Leben gab! Blickt zu ihr auf, liebe [..], sie sie steht ein wenig höher als die Welt, auf dem Grabhügel als ein Denkstein. Aber keine Hoffnung winkt ihr, keine Zukunft bewegt sie, keine Aussicht lockt sie, keine Hoffnung beunruhigt sie – hoffnungslos steht sie da, in Erinnerung versteint; einen Augenblick war sie unglücklich, im selben Augenblick wurde sie glücklich, und nichts vermag ihr Glück ihr zu nehmen, die Welt wandelt sich, sie aber kennt keinen Wechsel, und die Zeit kommt, für sie aber gibt es keine zukünftige Zeit.
Seht dort, welch schöne Vereinigung! Ein Geschlecht reicht dem anderen die Hand! Geschieht es zum Segen, zum treuen Zusammenhalt, zu frohen Tänzen? Es ist Ödips verstoßenes Geschlecht, und der Stoß pflanzt sich fort und zerschmettert die letzte – Antigone. Doch für sie ist gesorgt; die Trauer eines Geschlechts ist genug für ein Menschenleben. Sie hat der Hoffnung den Rücken gekehrt, sie hat deren Unbeständigkeit vertauscht mit der Treue der Erinnerung. So werde denn glücklich, liebe Antigone! Wir wünschen Dir ein langes Leben, bedeutungsvoll wie ein tiefer Seufzer. Möge kein Vergessen dir etwas rauben! Möge der Trauer tägliche Bitterkeit dir reichlich dargeboten werden!
Eine kraftvolle Gestalt zeigt sich; aber er ist ja nicht allein, er hat also Freunde, wie kommt er denn hierher? Es ist der Patriarch der Trauer, es ist Hiob – mit seinen Freunden. Er hat alles verloren, aber nicht mit einem Schlag; denn der Herr hat genommen, und der Herr hat genommen, und der Herr Hat genommen. Freunde lehrten ihn, die Bitterkeit des Verlusts zu empfinden; denn der Herr hat gegeben und ein unverständiges Weib als Zugabe. Er hat alles verloren; denn was ihm blieb, das liegt außerhalb unseres Interesses. Ehrerbietung gebührt ihm liebe [..], um seines grauen Haares und seines Unglücks willen. Er hat alles verloren; aber er hatte es besessen.
Sein Haar ist grau, sein Haupt gebeugt, sein Antlitz fahl, seine Seele bekümmert. Er ist der Vater des verlorenen Sohnes. Wie Hiob hat er verloren, was ihm das Liebste war auf dieser Welt, doch nicht der Herr hat es genommen, sondern der Feind; er hat es nicht verloren, sondern er verliert es; es ist ihm nicht genommen, sondern entschwindet. Er sitzt nicht daheim am Herd in Sack und Asche; er hat sich von Hause aufgemacht, hat alles verlassen, um den Verlorenen zu suchen; er greift nach ihm, aber sein Arm erreicht ihn nicht, er ruft nach ihm, aber seine Stimme holt ihn nicht ein. Doch hofft er, und sei es auch durch Tränen, er erblickt ihn, und sei es auch durch Nebel, er holt ihn ein, und sei es auch im Tode. Seine Hoffnung macht ihn betagt, und nichts bindet ihn an die Welt als die Hoffnung, der er lebt. Sein Fuß ist müde, seine Augen dunkel, sein Leib sucht Ruhe, seine Hoffnung lebt. Sein Haar ist weiß, sein Leib hinfällig, sein Fuß stockt, sein Herz bricht, seine Hoffnung lebt. Richtet ihn auf liebe [..], er war unglücklich.
Wer ist jene bleiche Gestalt, kraftlos wie der Schatten eines Toten! Sein Name ist vergessen, viele Jahrhunderte sind seit jenen Tagen verflossen. Er war ein Jüngling, er war begeistert. Er suchte das Martyrium. In Gedanken sah er sich ans Kreuz genagelt und den Himmel offen; aber die Wirklichkeit war ihm zu schwer, die Schwärmerei verflog, er verleugnete seinen Herrn und sich selbst. Eine Welt wollte er tragen, aber er verhob sich an ihr; seine Seele wurde nicht erdrückt, nicht vernichtet, er zerbrach, sein Geist wurde gichtbrüchig, seine Seele lahm. Wünscht ihm Glück, liebe [..], er war unglücklich. Jedoch, er wurde ja glücklich, er wurde ja, was er zu werden wünschte, ein Märtyrer, wenngleich sein Martyrium nicht das wurde, was er gewollt hatte: dass man ihn ans Kreuz nagelte oder wilden Tieren vorwürfe, sondern stattdessen wurde er bei lebendigem Leibe verbrannt, von einem gelinden Feuer langsam verzehrt.
Ein junges Mädchen sitzt dort so gedankenvoll. Ihr Geliebter ist ihr untreu geworden – darauf kann nicht reflektiert werden. Junges Mädchen, betrachte die ernsten Mienen der Versammlung, sie hat von schrecklichem Unglück gehört, ihre kühlen Seelen fordern noch größeres. Ja, aber ich habe ihn allein geliebt auf der ganzen Welt, ich habe ihn geliebt von der ganzen Seele, von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt – das haben wir ja schon einmal gehört, ermüde nicht unser ungeduldiges Verlangen; du kannst ja dich erinnern und trauern. – Nein, ich kann nicht trauern; denn vielleicht war er mir gar nicht untreu, vielleicht war er gar kein Betrüger - wie, du kannst nicht trauern? Tritt näher, Auserwählte unter den Mädchen, verzeih dem strengen Zensor, dass er dich einen Augenblick hat zurückstoßen wollen, du kannst nicht trauern, so kannst du doch hoffen. – Nein, ich kann nicht hoffen; denn er war ein Rätsel. Wohl, mein Mädchen, du stehst noch auf der Leiter des Unglücks; betrachtet sie, liebe [..], fast schwebt sie auf des Unglücks Gipfel. Doch du musst dich teilen, du musst am Tage hoffen und des Nachts trauern, oder am Tage trauern und des Nachts hoffen. Sei stolz; denn auf des Glück soll man niemals stolz sein, wohl aber auf das Unglück. Du bist zwar nicht die Unglücklichste, aber ist es nicht eure Meinung, liebe [..], dass wir ihr ein ehrenvolles accessit zuerkennen? Das Grab können wir ihr nicht zuerkennen, wohl aber den Platz zunächst am Grabe.
Denn dort steht er, der Abgesandte aus dem Reiche der Seufzer, auserkorener Liebling der Leiden, Apostel der Trauer, des Schmerzes schweigsamer Freund, der Erinnerung unglücklicher Liebhaber, in seinem Erinnern verwirrt von der Hoffnung Licht, in seinem Hoffen getäuscht von der Erinnerung Schatten. Sein Haupt ist beschwert, sein Knie ist erschlafft, und doch ruht er nur auf sich selbst. Er ist matt und doch wie kraftvoll, sein Auge macht nicht den Eindruck, als hätte es viele Tränen vergossen, wohl aber sie getrunken. Und doch lodert ein Feuer darin, das die ganze Welt verzehren könnte, aber nicht einen Splitter der Trauer in seiner eigenen Brust; er ist gebeugt und doch verheißt ihm seine Jugend ein langes Leben, seine Lippe lächelt über die Welt, die ihn missversteht. Seht auf, liebe [..], verneigt euch, ihr Zeugen der Trauer, in dieser feierlichen Stunde. Ich grüße dich du großer Unbekannter, dessen Namen ich nicht weiß, ich grüße dich mit deinem Ehrentitel: der Unglücklichste. Sei gegrüßt hier in deinem Heim von der Gemeinschaft der Unglücklichen, sei gegrüßt beim Eingang in die demütige niedrige Behausung, die doch stolzer ist denn alle Paläste der Welt. Siehe, der Stein ist abgewälzt, des Grabes Schatten erwartet dich mit seiner lieblichen Kühle. Doch vielleicht ist die Zeit noch nicht da, weit vielleicht noch der Weg; aber wir geloben dir, uns öfter hier zu versammeln, um dich um dein Glück zu beneiden. So empfange denn unseren Wunsch, einen guten Wunsch: möge keiner dich verstehen, aber jeder dich beneiden; möge kein Freund sich dir gesellen, möge kein Mädchen dich lieben, möge keine heimliche Sympathie deinen einsamen Schmerz ahnen; möge kein Auge deine ferne Trauer ergründen; möge kein Ohr deinen geheimen Seufzer erspüren! Oder verschmäht deine stolze Seele solch mitleidigen Wunsch, verachtet sie die Linderung oh, so mögen denn die Mädchen dich lieben, mögen die Schwangeren in ihrer Angst sich zu dir flüchten; mögen die Mütter auf dich hoffen; möge der Sterbende Trost bei dir suchen; mögen die Jungen sich dir gesellen; mögen die Männer auf dich bauen; möge der Greis nach dir greifen wie nach einem Stab – möge die ganze Welt glauben, du seiest imstande, sie glücklich zu machen. So leb denn wohl, du der Unglücklichste! Doch was sage ich: „der Unglücklichste“? „Der Glücklichste“, sollte ich sagen, denn dies ist ja gerade eine Gabe des Glücks, die niemand sich selber zu geben vermag. Seht, die Sprache versagt, und der Gedanke verwirrt sich; denn wer ist schon der Glücklichste. Es sei denn der Unglücklichste, und welcher der Unglücklichste, es sei denn der Glücklichste, und was ist das Leben anderes als Wahnsinn, und der Glaube anderes als Torheit, und die Hoffnung anderes als Galgenfrist, und die Liebe anderes als Essig in der Wunde.
Er ist entschwunden, und wir stehen wieder an dem leeren Grab. So wollen wir ihm denn Frieden und Ruhe und Heilung wünschen, und alles nur mögliche Glück, und einen baldigen Tod, und ein ewiges Vergessen, und kein Gedenken, dass auch nicht die Erinnerung an ihn einen anderen unglücklich mache.
Stehet auf, liebe [..]! Die Nacht ist vorüber, der Tag beginnt wieder seine unermüdete Tätigkeit, niemals, wie es scheint, überdrüssig, immer und ewig sich selbst zu wiederholen.




3.6.07 16:43

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