Buchfetzen.

Die Vielfalt Religiöser Erfahrungen | William James | insel taschenbuch

ISBN 3-458-33484-X 

DIE VIELFALT RELIGIÖSER ERFAHRUNG

(William James)

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Der weise Kritiker ist ein sich wandelndes Wesen, unterworfen der besseren Einsicht des morgigen Tages und in jedem Augenblick nur „bis jetzt“ und „im großen und ganzen“.

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Ich glaube tatsächlich nicht daran, dass wir oder irgendein Sterblicher irgendwann einmal zu einer absolut unangreifbaren und unverbesserlichen Wahrheit über solche Tatbestände vorstoßen werden, mit denen sich die Religion beschäftigt. Aber ich verwerfe dieses dogmatische Ideal nicht aus einem perversen Vergnügen an intellektuellem Wankelmut.

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Frömmigkeit ist die Maske, der Stammesinstinkt ist die treibende Kraft. Sie glauben sowenig wie ich, dass – trotz des christlichen Pathos, mit dem der deutsche Kaiser seine Truppen auf den Weg nach China schickte – das Verhalten, zu dem er sich aufforderte und indem andere christliche Armeen sie übertrafen, auch nur das geringste mit dem religiösen Innenleben derer zu tun hatte, die an der Kriegshandlung beteiligt waren.

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Große Kunstrichtungen erfüllen ihre Offenbarungsmission ebenfalls auf Kosten einer Einseitigkeit, für die andere Richtungen einen Ausgleich schaffen müssen.

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Im Leben der so genannten Heiligen sind die spirituellen Fähigkeiten stark, aber was den Eindruck der Überspanntheit hervorruft, erweist sich bei näherer Prüfung gewöhnlich als ein relativer Mangel an Intellekt.

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Wenn also „Freidenker“ uns erklären, dass Religion und Fanatismus Zwillinge seien, können wir diese Vorwurf nicht uneingeschränkt zurückweisen. – Der Fanatismus muss so lange auf der Sollseite der Religion vermerkt werden, wie der Verstand des religiösen Menschen sich auf einem Niveau bewegt, das durch einen despotischen Gott befriedigt wird. Sobald jedoch der Gott als jemand vorgestellt wird, der weniger auf seine Ehre und Herrlichkeit bedacht ist, hört der Fanatismus auf, eine Gefahr darzustellen.

Fanatismus findet sich nur in herrischen und aggressiven Charakteren. Bei sanften Charakteren, bei denen die Hingabe tief und der Verstand schwach ist, sind alle praktischen menschlichen Interessen in der Liebe zu Gott aufgegangen, was, so unschuldig es daherkommt, zu einseitig ist, als dass es bewundernswert sein könnte. Ein beschränkter Geist hat nur für eine bestimmte Art von Gefühlen Platz. Wenn die Liebe zu Gott von einem solchen Geist Besitz ergreift, treibt sie alle menschliche Liebe und alle menschlichen Zwecke aus. Es gibt kein englisches Wort für solch einen süßen Exzess der Hingabe; darum werde ich zukünftig von einer theopathischen Verfassung reden.

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Als Luther in seiner überaus männlichen Art mit einem Handstreich die ganze Vorstellung einer Soll- und Habenrechnung, die der Allmächtige für jedes Individuum erstellt, beiseite fegt, erweitert er den Vorstellungsraum der Seele und bewahrt die Theologie vor Kindereien.

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Es ist besser, wenn ein Leben manchen Schmutz auf sich zieht, als wenn es bei seinen Bemühungen, unbefleckt zu bleiben, jeden Nutzen verliert.

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So wie es keine schlimmere Lüge gibt als eine Wahrheit, die von denen, die sie hören, missverstanden wird, so sind vernünftige Argumente, Aufforderungen zur Grußmut und Appell zum Mitgefühl oder zur Gerechtigkeit Torheit, wenn wir es mit Menschen zu tun haben, die den Charakter eines Krokodils oder einer Boa constrictor haben.

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Herbert Spencer lehrt uns, dass vollkommenes menschliches Verhalten nur dann vollkommen erscheinen wird, wenn seine Umgebung vollkommen ist; einer schlechten Umgebung kenn es sich nicht anpassen. Wir können dies umschreiben indem wir freimütig gestehen, dass das Verhalten eines Heiligen das denkbar vollkommenste Verhalten in einer Umgebung ist, in der bereits alle Heilige sind; müssen aber zugleich hinzufügen, dass es in einer Umgebung, wo nur wenige Heilige sind und viele das genaue Gegenteil von Heiligen, es notwendig schlecht angepasst ist.

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Das Wilde und das Heroische sind in der Tat so mit dem Leben verwurzelt, dass die robuste Geistesart mit ihrem sentimentalen Optimismus von einem nachdenklichen Menschen kaum als eine ernsthafte Lösung betrachtet werden kann.

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Wir haben nicht einmal mehr die Fähigkeit, uns vorzustellen, was das alte Armutsideal bedeutet haben könnte: Freiheit von materiellen Bindungen, eine unbestechliche Seele, eine mannhaftere Form von Gleichgültigkeit, ein Stehen auf eigenen Füßen durch das, was wir sind oder tun, und nicht durch das, was wir haben, das Recht unser Leben in jedem Augenblick wegwerfen zu können, ohne dafür jemandem dafür Rechenschaft zu schulden – kurz: ein athletischer Zuschnitt, eine moralische Kampfhaltung.

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Was die intellektuellen Ansprüche betrifft, sollten wir daran denken, dass es nicht fair wäre, die möglicherweise festzustellende Beschränktheit immer dem Einzelnen als Versagen zuzurechnen, denn dieser übernimmt seine Beschränktheit in religiösen und theologischen Dingen wahrscheinlich von seinen Zeitgenossen.

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Der geborene Heilige hat zugegebenermaßen etwas an sich, was beim Sinnesmanschen Brechreiz auslöst, so dass es der Mühe wert ist, den fraglichen Gegensatz etwas eingehender zu betrachten.

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Die großen Heiligen erzielen Sofortwirkung; die kleineren sind zumindest Herolde und Vorboten und können der Sauerteig für eine bessere Weltordnung sein.

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3.6.07 16:23

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