Buchfetzen.



aus: Kaspar - Peter Handke; edition suhrkamp - ISBN 3-518-10322-9
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Jetzt bin ich aufgestanden und habe gleich bemerkt, nicht erst jetzt, dass mein Schuhband aufgegangen war. Weil ich jetzt sprechen kann, kann ich das Schuhband in Ordnung bringen. Seit ich sprechen kann, kann ich mich ordnungsgemäß nach dem Schuhband bücken. Seit ich sprechen kann, kann ich alles in Ordnung bringen. Er bückt sich nach dem Schuhband. Er stellt ein Bein vor, um sich besser nach dem Schuhband bücken zu können. Weil er aber mit dem anderen Fuß auf dem Schuhband gestanden hat, strauchelt er durch das Vorstellen des Beins und fällt, nachdem er vergeblich versucht hat, sich zu halten - einen Augenblick scheint es ihm zu gelingen - zu Boden. Er wirft dabei auch den Stuhl um, auf dem er gesessen hat. Nach einem Augenblick der Stille: Seit ich sprechen kann, kann ich ordnungsgemäß aufstehen; aber das Fallen tut erst weh, seit ich sprechen kann; aber das Wehtun beim Fallen ist halb so schlimm, seit ich weiß, dass ich über das Wehtun sprechen kann; aber das Fallen ist doppelt so schlimm, seit ich weiß, dass man über mein Fallen sprechen kann; aber das Fallen tut überhaupt nicht mehr weh, seit ich weiß, dass ich das Wehtun vergessen kann; aber das Wehtun hört überhaupt nicht mehr auf, seit ich weiß, dass ich mich des Fallens schämen kann.


 

 

 

10.6.07 21:35, kommentieren

Kurznotiz, 08.06.07

Menschen suchen Dramatik. Dramatisches Leben, Liebe, Leiden, Lüge, Flehen; suchen stetig hin zum Abgewichsten, suchen pulsierenden Dreck. Am besten handwarm und direkt ab Hof fürs Wohnzimmer, fürs Gästezimmer und wer so ein verhunztes Leben mit dreitausend Widerlichkeiten zu erzählen hat und anzurühren vermag: dem kriechen sie unter den Rock wie die Wanzen. Für ein bisschen Fühlbarkeit, für ein bisschen Abenteuer über ihr eigenes eingeschlafenes Gesicht; für ein bisschen Abwechslung über ihre Langeweile, die keiner mehr los wird. Und also, weil, da hinein wollen sie sich versetzen und nachvollziehen und mitfühlen und all diese Erbärmlichkeiten. -

Herta, hol schnell noch eine Packung Chips aus dem Keller,

der Fixer hat den Löffel schon überm Feuer!

 

 

 

8.6.07 19:34, kommentieren

Kurznotiz, 07.06.07

Ich glaube, man muss manchmal einfach stur bleiben über den Büchern. Man muss stur sein und lesen auch wenn man nicht im Geringsten begreift was man denn eigentlich liest. Bis zum Ende hin will man aufmerksam lesen (ich will das zumindest; und wenn ich über jeder Seite dreimal einschlafe, so lese ich neun Wochen dran oder fünf Monate) man will sitzen bleiben und sich nach bester Möglichkeit anstrengen; denn, es gibt ja nichts unhöflicheres als mitten in einer Unterredung aufzustehen und zu gehen; der Autor ist meine Unterredung und ich weiß, dass ich aus seinen Worten eines Tages schöpfen werde; aus jedem Autor schöpft man in irgend einer Weise und ich schöpfe in meiner Unerschöpflichkeit und Unstillbarkeit; also will man zuhören über Dinge, die einem eloquent sinnlos erscheinen oder künstlich sinnvoll oder grundsätzlich klassischer Müll. Zumeist ist das nicht so sinnlos, ich meine, zumindest, wenn man seine Bücher von vornherein bedenkt und wenn man sich der allgemein vorherrschenden Einfältigkeit unserer Zeit bewusst ist. - Und irgendwann, fängt man ein Wort auf, oder man bleibt an einem Satz hängen, den man vermutet, schon irgendwo einmal gehört zu haben. Und, ich rede für mich, - ich schnappe dann auf, zufällig, einen Fetzen, eine Phrase, oft in einem ganz anderen Kontext und, dann beginnt’s in den Armen zu ziehen und in den Gliedern rastlos zu werden und unruhig: dieser unstillbare Wissensdrang stellt sich ein und ich beginne wieder zu graben, zu wühlen, selbstvergessen, will, stur wie eh und je zusammenzufügen. Und wo einst alles mühsam war, fliegt über jener Begeisterung, fliegt über angedeutete oder gefundene Wunder die Zeit hinweg und man beginnt zu bauen mit erhitztem Kopf und mit rastlosen Händen. - Ich glaube, ich glaube das wirklich: ich liebe die Menschen nicht weil sie Menschen sind, ich mag Menschen, weil sie Geschichten erzählen und Bücher schreiben.

Und man muss eigensinnig bleiben
über der allgemeinen und
konkreten Sinnlosigkeit, weil
ein Tag kommen wird



7.6.07 10:52, kommentieren

Buchfetzen.

Entweder - Oder, Teil I und II
Sören Kierkegaard
dtv GmbH & Co. KG, München
ISBN 3-423-13382-1



 
Der Unglücklichste - Eine begeisterte Ansprache an die [..]
Peroration in den Freitagszusammenkünften

BEKANNTLICH SOLL es irgendwo in England ein Grab geben, das sich nicht durch ein prachtvolles Monument oder eine Wehmütige Umgebung auszeichnet, sondern durch eine kleine Inschrift – „Der Unglücklichste“. Man soll das Grab geöffnet, aber keine Spur von einer Leiche gefunden haben. Was erregt mehr Verwunderung: dass man keine Leiche fand, oder dass das Grab geöffnet? Seltsam fürwahr, dass man sich die Zeit genommen hat, nachzusehen, ob jemand darinliege. Wenn man auf einem Epitaph einen Namen liest, so ist man leicht versucht, darüber nachzudenken, wie wohl das Leben dieses Menschen in der Welt dahingeronnen sei; man könnte wünschen, zu ihm ins Grab zu steigen, um sich mit ihm zu unterhalten. Jene Inschrift aber ist überaus bedeutungsvoll! Ein Buch kann einen Titel haben, der einen zum Lesen reizt, aber ein Titel kann auch an sich so gedankenreich, so persönlich ansprechend sein, dass man das Buch selbst niemals lesen wird. Fürwahr, jene Inschrift ist überaus bedeutungsvoll, je nachdem wie man gestimmt ist, erschüttend oder erfreulich - für einen jeden, der sich im Stillen etwa heimlich dem Gedanken anverlobt hat, dass er, der Unglücklichste sei. Doch kann ich mir auch einen Menschen vorstellen, dessen Seele derartige Beschäftigungen nicht kennt, ihm ist es nur eine Aufgabe für seine Neugierde gewesen, zu erfahren, ob wirklich jemand in diesem Grab liege. Und siehe, das Grab war leer! Ist er etwa wieder auferstanden, hat er etwa des Dichterwortes spotten wollen: 
 

- im Grab ist Frieden allzeit;
sein stummer Bewohner weiß nichts von Leid;


fand er keine Ruh, auch im Grab nicht, irrt er vielleicht unstet in der Welt umher, ist er fortgegangen von Haus und Heim und hat nur seine Anschrift hinterlassen! Oder ist er noch nicht gefunden, er, der Unglücklichste, den selbst die Eumeniden nicht verfolgen, bis er die Tür des Tempels findet und die Bank der demütig Bittenden, den aber Kummer und Leid am Leben erhalten, Kummer und Leid bis ins Grab begleiten!
Sollte er noch nicht gefunden sein, so lasst uns, liebe [..], als Kreuzritter eine Wanderung antreten, nicht nach jenem heiligen Grab im glücklichen Osten, sondern nach jenem traurigen Grab im unglücklichen Westen. An jenem leeren Grabe wollen wir ihn suchen, den Unglücklichsten, fest überzeugt, dass wir ihn finden; denn wie die Sehnsucht der Gläubigen nach dem heiligen Grabe verlangt, so zieht es die Unglücklichsten nach Westen zu jenem leeren Grabe hin, und ein jeder ist von dem Gedanken erfüllt, dass es für ihn bestimmt sei.
Oder sollten wir eine solche Überlegung nicht als würdigen Gegenstand unserer Betrachtung ansehen, wir, deren Tätigkeit, auf dass ich den heiligen Büchern unserer Gesellschaft entspreche, Versuche in der aphoristischen zufälligen Andacht sind, wir, die wir nicht aphoristisch denken und sprechen, sondern aphoristisch leben, wir, die wir [..] und segregati leben, als Aphorismen, ohne Gemeinschaft mit den Menschen, unteilhaftig ihrer Leiden und ihrer Freuden, wir, die wir nicht Mitlauter sind im Lärm des Lebens, sondern einsame Vögel in der Stille der Nacht, nur gelegentlich einmal versammelt, um uns zu erbauen, von den Vorstellungen von der Armseligkeit des Lebens, von der Länge des Tages und der unendlichen Dauer der Zeit, wir, liebe [..], die wir nicht glauben an das Spiel der Freude oder an das Glück der Toren, wir, die wir an nichts glauben als an das Unglück.
Seht, wie sie sich herandrängen in zahlloser Menge, alle die Unglücklichen. Jedoch, viele sind ihrer, die sich berufen wähnen, wenige nur sind auserwählt. Eine Trennung soll zwischen ihnen befestigt werden – ein Wort, und der Haufe verschwindet; ausgeschlossen sind nämlich ungebetene Gäste, alle die, welche meinen, dass der Tod das größte Unglück sei, welche unglücklich wurden, weil sie den Tod fürchten; denn wir, liebe [..], wir, gleich den römischen Soldaten fürchten den Tod nicht, wir kennen schlimmeres Unheil, und in erster Linie vor allem anderen – das Leben. Ja, wenn es einen Menschen gäbe, der nicht sterben könnte, wenn es wahr ist, was die Sage erzählt von jenem ewigen Juden, wie sollen wir Bedenken tragen, ihn für den Unglücklichsten zu erklären? Da ließe es sich erklären, warum das Grab leer war, nämlich um damit anzuzeigen, dass der Unglücklichste der sei, der nicht sterben, der nicht dem Grab entschlüpfen könnte. Da wäre die Sache entschieden, die Antwort leicht: denn am unglücklichsten wäre, wer nicht sterben könnte, glücklich, wer es könnte; glücklich, wer im Alter stürbe, glücklicher, wer in seiner Jugend stürbe, am glücklichsten, wer schon stürbe, indem er geboren würde, am allerglücklichsten, wer nie geboren wäre. Aber so ist es nicht, der Tod ist das allen Menschen gemeinsame Glück, und sofern also der Unglücklichste noch nicht gefunden ist, muss er innerhalb dieser Begrenzung zu suchen sein.
Seht, der Haufe verschwand, die Zahl hat sich vermindert. Nicht sage ich jetzt: schenkt mir eure Aufmerksamkeit, denn ich weiß, ich habe sie bereits; nicht: leiht mir euer Ohr, denn ich weiß, es gehört mir schon. Eure Augen funkeln. Ihr erhebt euch von den Sitzen. Es ist ein Wettstreit, an dem teilzunehmen es sich wohl lohnt, ein Kampf noch schrecklicher, als wenn es bei ihm auf Tod und Leben ginge; denn den Tod fürchten wir nicht. Die Belohnung aber, ja, die ist stolzer als jede andere auf dieser Welt, und gewisser; denn wer versichert ist, dass er der Unglücklichste sei, der braucht ja das Glück nicht zu fürchten, der muss die Demütigung nicht schmecken, in seinem letzten Stündlein rufen zu müssen: Solon, Solon, Solon!
So eröffnen wir denn einen freien Wettbewerb, von dem niemand, weder durch seinen Stand noch durch sein Alter, ausgeschlossen sein soll. Ausgeschlossen ist niemand, außer dem Glücklichen und dem, der den Tod fürchtet – willkommen ist jedes würdige Mitglied aus der Gemeinde der Unglücklichen, der Ehrenplatz jedem wirklich Unglücklichen bestimmt, das Grab dem Unglücklichsten. Meine Stimme schallt in die Welt hinaus, hört sie, ihr alle, die ihr euch Unglückliche nennt in der Welt, aber den Tod nicht fürchtet. Meine Stimme schallt zurück in die Vergangenheit; denn wir wollen nicht so sophistisch sein, die Verstorbenen auszuschließen, weil sie tot sind, denn sie haben ja gelebt. Ich beschwöre euch, verzeiht, dass ich einen Augenblick eure Ruhe störe; versammelt euch an diesem leeren Grabe. Dreimal rufe ich es laut über die Welt hinaus, hört es, ihr Unglücklichen; denn keineswegs ist es unsere Absicht, diese Sache hier, in einem Winkel der Welt, unter uns abzumachen. Der Ort ist gefunden, wo sie für alle der Welt entschieden werden muss.
Doch lasst uns, bevor wir dazu übergehen, die einzelnen zu verhören, uns bereitmachen, hier als würdige Richter und Minister zu sitzen. Lasst uns unseren Geist stärken, ihn wappnen gegen die Bestrickung des Ohrs; denn welche Stimme wäre wohl so einschmeichelnd wie die des Unglücklichen, welche so betörend wie die des Unglücklichen, wenn er von seinem eigenen Unglück spricht? Machen wir uns würdig, zu Gericht zu sitzen, ihr Mitstreiter, dass wir nicht die Übersicht verlieren, uns nicht von den einzelnen verwirren lassen; denn die Beredsamkeit der Trauer ist unendlich und unendlich erfinderisch. Wir wollen die Unglücklichen in bestimmte Gruppen aufteilen, für die nur je einer das Wort führen darf; denn wir wollen nicht leugnen, dass nicht ein einzelnes Individuum das unglücklichste ist, sondern dass es eine Klasse ist; doch wollen wir darum kein Bedenken tragen, dem Repräsentanten dieser Klasse den Namen „der Unglücklichste“ zuzuerkennen, kein Bedenken tragen, ihm das Grab zuzuerkennen.

In allen systematischen Schriften Hegels gibt es einen Abschnitt der vom unglücklichen Bewusstsein handelt. Mit innerer Unruhe und Herzklopfen geht man stets an die Lektüre solcher Untersuchungen, mit der Befürchtung, man werde zuviel oder zuwenig erfahren. Das unglückliche Bewusstsein, das ist ein Wort, das, bloß zufällig im Laufe der Rede angebracht, beinahe das Blut zum Erstarren, die Nerven zum Erschauern bringt und jetzt, so ausdrücklich ausgesprochen, gleich jenem geheimnisvollen Wort in einer Erzählung Clemens Brentanos: tertia nux mors est – einen wie einen Sünder zittern lassen kann. Ach, glücklich, wer nicht mehr mit dieser Sache zu tun hat, als dass er einen Paragraphen darüber schreibt; noch glücklicher, wer den folgenden schreiben kann. Der Unglückliche ist nun derjenige, der sein Ideal, seinen Lebensinhalt, die Fülle seines Bewusstseins, sein eigentliches Wesen irgendwie außer sich hat. Der Unglückliche ist immer sich abwesend, nie sich selbst gegenwärtig. Abwesend aber kann man offenbar entweder in der vergangenen oder in der zukünftigen Zeit sein. Hiermit ist das ganze Territorium des unglücklichen Bewusstseins hinlänglich umschrieben. Für diese feste Begrenzung wollen wir Hegel danken, und nun, da wir nicht nur Philosophen sind, die dieses Reich aus der Ferne betrachten, wollen wir als Landesangehörige die verschiedenen Stadien, die hierin liegen, genauer beobachten. Der Unglückliche ist also abwesend. Abwesend aber ist man, wenn man entweder in der vergangenen oder in der zukünftigen Zeit ist. Der Ausdruck muss hier urgiert werden; denn es ist offenbar, was auch die Sprachwissenschaft uns lehrt, dass es ein tempus gibt, das gegenwärtig ist in einer vergangenen Zeit, und ein tempus das gegenwärtig ist in einer zukünftigen; zugleich aber lehrt selbige Wissenschaft uns, dass es ein tempus gibt, das plus quam perfectum ist, in dem nichts Präsentisches liegt, und ein futurum exactum von gleicher Beschaffenheit. Das sind die hoffenden und die sich erinnernden Individualitäten. Diese sind zwar in gewissem Sinne, insofern sie nämlich alle hoffend oder allein sich erinnernd sind, unglückliche Individualitäten, wenn anders nur die selber gegenwärtige Individualität die glückliche ist. Indes kann man doch in strengem Sinne die Individualität nicht unglücklich nennen, die präsentisch ist in Hoffnung oder in Erinnerung. Was hier nämlich hervorgehoben werden muss, ist, dass der betreffende Mensch präsentisch darin ist. Wir werden daraus auch ersehen, dass ein einziger Schicksalsschlag, und sei er im übrigen auch noch so schwer, einen Menschen unmöglich zu dem Unglücklichsten machen kann. Ein einzelner Schicksalsschlag kann ihm nämlich entweder nur die Hoffnung rauben und ihn daher präsentisch in der Erinnerung machen, oder nur die Erinnerung und damit präsentisch in der Hoffnung. Wir gehen nun weiter und wollen sehen, wie denn die unglückliche Individualität näher bestimmt werden muss. Zunächst betrachten wir die hoffende Individualität. Wenn nun der Mensch als hoffende [und insofern als unglückliche] Individualität sich nicht selber präsentisch ist, so wird er in strengerem Sinne unglücklich. Ein Individuum, das auf ein ewiges Leben hofft, ist zwar in gewissem Sine eine unglückliche Individualität, insofern es auf das Gegenwärtige verzichtet, ist aber doch in strengerem Sinne nicht unglücklich, weil es in dieser Hoffnung sich selbst präsentisch ist und mit den einzelnen Momenten der Endlichkeit nicht in Widerspruch gerät. Kann ein solcher Mensch sich in der Hoffnung nicht präsentisch werden, sondern verliert seine Hoffnung, hofft er von neuem und so fort, so ist er sich selbst abwesend, nicht nur in der gegenwärtigen, sondern auch in der zukünftigen Zeit, so haben wir eine Formation von Unglücklichen. Betrachten wir die sich erinnernde Individualität, so ist es ebenso. Kann sie sich in der vergangenen Zeit gegenwärtig werden, so ist sie nicht in strengerem Sinn unglücklich; kann sie dies aber nicht, sondern bleibt in einer vergangenen Zeit sich selbst beständig abwesend, so haben wir eine Formation von Unglücklichen.
Die Erinnerung ist vorzüglich das eigentliche Element der Unglücklichen, wie es natürlich ist, weil die vergangene Zeit die merkwürdige Eigenschaft hat, dass sie vorüber ist, die zukünftige, dass sie kommen soll, und man kann daher in gewissem Sinne sagen, die zukünftige Zeit liegt der gegenwärtigen näher als die vergangene. Damit nun die hoffende Individualität in der zukünftigen Zeit präsentisch werde, muss diese Realität haben, oder richtiger, sie muss für diesen Menschen Realität erhalten; damit die sich erinnernde Individualität in der vergangenen Zeit präsentisch werde, muss diese für sie Realität gehabt haben. Wenn aber die hoffende Individualität auf eine zukünftige Zeit hoffen will, die für sie noch keine Realität erhalten kann, oder der sich Erinnernde sich an eine Zeit erinnern will, die keine Realität gehabt hat, so haben wir die eigentlichen unglücklichen Individualitäten. Das erste sollte man nicht für möglich halten oder für hellen Wahnsinn ansehen, indes ist dem keineswegs so; denn zwar hofft die hoffende Individualität nicht auf etwas, das für sie keine Realität hat, aber sie hofft auf etwas, von dem sie selbst weiß, dass es nicht realisiert werden kann. Wenn nämlich eine Individualität, indem sie die Hoffnung verliert, statt eine erinnernde Individualität zu werden, weiterhin eine hoffende bleiben will, so haben wir eine solche Formation. Wenn eine Individualität, indem sie die Erinnerung verliert, oder weil sie nichts hat, woran sie sich erinnern könnte, keine hoffende werden, sondern weiterhin eine erinnernde bleiben will, so haben wir die Formation von Unglücklichen. Wenn etwa ein Mensch in das Altertum oder das Mittelalter oder irgendeine andere Zeit verlöre, so zwar, dass diese für ihn eine entscheidende Realität hätte, oder er verlöre sich in seine eigene Kindheit oder Jugend, dergestalt, dass diese eine entscheidende Realität für ihn gehabt hätte, so wäre er eigentlich keine in strengerem Sinne unglückliche Individualität. Dächte ich mir dagegen einen Menschen, der selbst keine Kindheit gehabt hätte, da dieses Lebensalter ohne eigentliche Bedeutung an ihm vorübergegangen wäre, der aber nun, indem er etwa Lehrer für Kinder würde, all das Schöne entdeckte, das in der Kindheit liegt, und der nun seiner eigenen Kindheit sich erinnern, immer auf sie zurückstarren wollte, so wäre er wohl ein recht passendes Exempel. Rückwärts würde er schließlich die Bedeutung dessen entdecken, was für ihn vorüber ist, und woran er sich doch in seiner Bedeutung erinnern würde. Dächte ich mir einen Menschen, der gelebt hätte, ohne des Lebens Freude oder seinen Genuss zu fassen, und der nun im Augenblick seines Todes ein Auge dafür bekäme, dächte ich mir, dass er nicht stürbe, was das Günstigste wäre, sondern, dass er wieder auflebe, ohne darum aber noch einmal zu leben, so würde er wohl in Betracht kommen können, wo es um die Frage geht, wer der Unglücklichste sei.
Doch wollen wir weitergehen, wir wollen uns eine Kombination der beiden beschriebenen, in strengerem Sinne unglücklichen Formationen denken. Die unglücklich hoffende Individualität vermochte nicht, sich selbst in ihrem Hoffen präsentisch zu werden, so wenig wie die unglücklich sich erinnernde. Die Kombination kann nur die sein, dass das, was den Menschen hindert, in seinem Hoffen präsentisch zu werden, die Erinnerung, das, was ihn hindert, in der Erinnerung präsentisch zu werden, die Hoffnung ist. Das liegt einerseits daran, dass er immerfort auf das hofft, woran er sich erinnern sollte; seine Hoffnung wird immer wieder Enttäuscht, aber indem sie enttäuscht wird, entdeckt er, dass es nicht daher kommt, dass das Ziel weiter hinaus geschoben wird, sondern daher, das das Ziel schon vorüber ist, dass es bereits erlebt ist oder erlebt sein sollte und somit in die Erinnerung übergegangen ist. Andererseits erinnert er sich immerfort an das, worauf er hoffen sollte; denn das Zukünftige hat er schon im Geiste aufgenommen, im Geiste hat er es erlebt und an dieses erleben erinnert er sich, statt darauf zu hoffen. Das worauf er hofft, liegt also hinter ihm, das, woran er sich erinnert, liegt vor ihm. Sein Leben ist nicht rückwärts gerichtet, jedoch in doppeltem Sinne verkehrt. Sein Unglück wird er bald spüren, mag er auch nicht begreifen, worin es eigentlich liegt. Damit er aber so recht Gelegenheit bekomme, es zu fühlen, tritt das Missverständnis hinzu, das in jedem Augenblick auf merkwürdige Weise spottet. Er genießt gemeinhin die Ehre, dafür angesehen zu werden, dass er seine fünf Sinne beisammen hat, und doch weiß er, wenn er auch nur einem einzigen Menschen auseinandersetzen wollte, wie es sich wirklich mit ihm verhält, so würde man ihn für wahnsinnig erklären. Hierüber könnte man wahnsinnig werden, und doch wird er es nicht, und das eben ist sein Unglück. Sein Unglück ist, dass er zu früh auf die Welt gekommen ist und daher stets zu spät kommt. Er ist dem Ziel irgendwie immer ganz nah, und im selben Augenblick ist er fern von ihm, er entdeckt also, dass das, was ihn jetzt unglücklich macht, weil er es hat, oder weil er so ist, gerade das ist, was ihn vor einigen Jahren glücklich gemacht haben würde, falls er es gehabt hätte, während er unglücklich wurde, wie er es nicht hatte. Sein Leben hat keine Bedeutung wie das jenes Ancaeus, von dem es üblich ist zu behaupten, über ihn sein nichts bekannt, außer dass er Anlass zu einem Sprichwort gegeben habe:

[..]

als ob das nicht mehr als genug wäre. Sein Leben kennt keine Ruhe und hat keinen Inhalt, er ist sich nicht präsentisch im Augenblick, nicht präsentisch in der zukünftigen Zeit, denn das Zukünftige ist schon erlebt, nicht in der Vergangenheit, denn das Vergangene ist noch nicht gekommen. So wird er umhergetrieben wie Latone in die Finsternis der Hyperboräer, nach des Äquators heller Insel, kann nicht gebären und ist doch immerfort wie eine Gebärende. Allein sich selbst überlassen, steht er in der weiten Welt, er hat keine Gegenwart an die er anknüpfen könnte, keine Vergangenheit nach der er sich sehnen kann, denn seine Vergangenheit ist noch nicht gekommen, keine Zukunft, auf die er hoffen kann, denn seine Zukunft ist schon vorüber. Allein hat er die ganze Welt sich gegenüber als das Du, mit dem er in Konflikt liegt; denn die ganze übrige Welt ist für ihn nur eine einzige Person, und diese Person, dieser unzertrennlich zudringliche Freund, ist das Missverständnis. Er kann nicht alt werden, denn er ist nie jung gewesen; er kann nicht jung bleiben, denn er ist schon alt geworden; er kann gewissermaßen nicht sterben, denn er hat ja nicht gelebt; er kann gewissermaßen nicht leben, denn er ist ja schon gestorben; er kann nicht lieben, denn die Liebe ist immer präsentisch, und er hat keine gegenwärtige Zeit, keine zukünftige, keine vergangene, und doch ist er eine sympathische Natur, und er hasst die Welt, nur weil er sie liebt; er hat keine Leidenschaft, nicht weil es ihm daran fehlte, sondern weil er im selben Augenblick die entgegengesetzte hat, er hat zu nichts Zeit, nicht weil seine Zeit von anderem ausgefüllt wäre, sondern weil er überhaupt keine Zeit hat; er ist ohnmächtig, nicht weil es ihm an Kraft fehlte, sondern weil seine eigene Kraft ihn ohnmächtig macht.
Doch bald ist unser Herz wohl abgehärtet genug, unser Ohr verstopft, wenn auch nicht verschlossen. Wir haben die besonnene Stimme der Überlegung gehört, lasst uns die Beredsamkeit der Leidenschaft vernehmen, kurz, bündig, wie alle Leidenschaft es ist.
Da steht ein junges Mädchen. Sie klagt, ihr Geliebter sei ihr untreu geworden. Darauf kann nicht reflektiert werden. Aber sie hat ihn allein geliebt auf der ganzen Welt, sie hat ihn geliebt von ganzer Seele, von ganzem Herzen und von ganzem Gemüt – so kann sie ja sich erinnern und trauern.
Ist es ein wirkliches Wesen oder ist es ein Bild, ist es eine Lebendige, die stirbt, oder eine Tote, die lebt? Es ist Niobe. Sie hat alles auf einmal eingebüßt; sie hat verloren, dem sie das Leben gab, sie hat verloren, was ihr das Leben gab! Blickt zu ihr auf, liebe [..], sie sie steht ein wenig höher als die Welt, auf dem Grabhügel als ein Denkstein. Aber keine Hoffnung winkt ihr, keine Zukunft bewegt sie, keine Aussicht lockt sie, keine Hoffnung beunruhigt sie – hoffnungslos steht sie da, in Erinnerung versteint; einen Augenblick war sie unglücklich, im selben Augenblick wurde sie glücklich, und nichts vermag ihr Glück ihr zu nehmen, die Welt wandelt sich, sie aber kennt keinen Wechsel, und die Zeit kommt, für sie aber gibt es keine zukünftige Zeit.
Seht dort, welch schöne Vereinigung! Ein Geschlecht reicht dem anderen die Hand! Geschieht es zum Segen, zum treuen Zusammenhalt, zu frohen Tänzen? Es ist Ödips verstoßenes Geschlecht, und der Stoß pflanzt sich fort und zerschmettert die letzte – Antigone. Doch für sie ist gesorgt; die Trauer eines Geschlechts ist genug für ein Menschenleben. Sie hat der Hoffnung den Rücken gekehrt, sie hat deren Unbeständigkeit vertauscht mit der Treue der Erinnerung. So werde denn glücklich, liebe Antigone! Wir wünschen Dir ein langes Leben, bedeutungsvoll wie ein tiefer Seufzer. Möge kein Vergessen dir etwas rauben! Möge der Trauer tägliche Bitterkeit dir reichlich dargeboten werden!
Eine kraftvolle Gestalt zeigt sich; aber er ist ja nicht allein, er hat also Freunde, wie kommt er denn hierher? Es ist der Patriarch der Trauer, es ist Hiob – mit seinen Freunden. Er hat alles verloren, aber nicht mit einem Schlag; denn der Herr hat genommen, und der Herr hat genommen, und der Herr Hat genommen. Freunde lehrten ihn, die Bitterkeit des Verlusts zu empfinden; denn der Herr hat gegeben und ein unverständiges Weib als Zugabe. Er hat alles verloren; denn was ihm blieb, das liegt außerhalb unseres Interesses. Ehrerbietung gebührt ihm liebe [..], um seines grauen Haares und seines Unglücks willen. Er hat alles verloren; aber er hatte es besessen.
Sein Haar ist grau, sein Haupt gebeugt, sein Antlitz fahl, seine Seele bekümmert. Er ist der Vater des verlorenen Sohnes. Wie Hiob hat er verloren, was ihm das Liebste war auf dieser Welt, doch nicht der Herr hat es genommen, sondern der Feind; er hat es nicht verloren, sondern er verliert es; es ist ihm nicht genommen, sondern entschwindet. Er sitzt nicht daheim am Herd in Sack und Asche; er hat sich von Hause aufgemacht, hat alles verlassen, um den Verlorenen zu suchen; er greift nach ihm, aber sein Arm erreicht ihn nicht, er ruft nach ihm, aber seine Stimme holt ihn nicht ein. Doch hofft er, und sei es auch durch Tränen, er erblickt ihn, und sei es auch durch Nebel, er holt ihn ein, und sei es auch im Tode. Seine Hoffnung macht ihn betagt, und nichts bindet ihn an die Welt als die Hoffnung, der er lebt. Sein Fuß ist müde, seine Augen dunkel, sein Leib sucht Ruhe, seine Hoffnung lebt. Sein Haar ist weiß, sein Leib hinfällig, sein Fuß stockt, sein Herz bricht, seine Hoffnung lebt. Richtet ihn auf liebe [..], er war unglücklich.
Wer ist jene bleiche Gestalt, kraftlos wie der Schatten eines Toten! Sein Name ist vergessen, viele Jahrhunderte sind seit jenen Tagen verflossen. Er war ein Jüngling, er war begeistert. Er suchte das Martyrium. In Gedanken sah er sich ans Kreuz genagelt und den Himmel offen; aber die Wirklichkeit war ihm zu schwer, die Schwärmerei verflog, er verleugnete seinen Herrn und sich selbst. Eine Welt wollte er tragen, aber er verhob sich an ihr; seine Seele wurde nicht erdrückt, nicht vernichtet, er zerbrach, sein Geist wurde gichtbrüchig, seine Seele lahm. Wünscht ihm Glück, liebe [..], er war unglücklich. Jedoch, er wurde ja glücklich, er wurde ja, was er zu werden wünschte, ein Märtyrer, wenngleich sein Martyrium nicht das wurde, was er gewollt hatte: dass man ihn ans Kreuz nagelte oder wilden Tieren vorwürfe, sondern stattdessen wurde er bei lebendigem Leibe verbrannt, von einem gelinden Feuer langsam verzehrt.
Ein junges Mädchen sitzt dort so gedankenvoll. Ihr Geliebter ist ihr untreu geworden – darauf kann nicht reflektiert werden. Junges Mädchen, betrachte die ernsten Mienen der Versammlung, sie hat von schrecklichem Unglück gehört, ihre kühlen Seelen fordern noch größeres. Ja, aber ich habe ihn allein geliebt auf der ganzen Welt, ich habe ihn geliebt von der ganzen Seele, von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt – das haben wir ja schon einmal gehört, ermüde nicht unser ungeduldiges Verlangen; du kannst ja dich erinnern und trauern. – Nein, ich kann nicht trauern; denn vielleicht war er mir gar nicht untreu, vielleicht war er gar kein Betrüger - wie, du kannst nicht trauern? Tritt näher, Auserwählte unter den Mädchen, verzeih dem strengen Zensor, dass er dich einen Augenblick hat zurückstoßen wollen, du kannst nicht trauern, so kannst du doch hoffen. – Nein, ich kann nicht hoffen; denn er war ein Rätsel. Wohl, mein Mädchen, du stehst noch auf der Leiter des Unglücks; betrachtet sie, liebe [..], fast schwebt sie auf des Unglücks Gipfel. Doch du musst dich teilen, du musst am Tage hoffen und des Nachts trauern, oder am Tage trauern und des Nachts hoffen. Sei stolz; denn auf des Glück soll man niemals stolz sein, wohl aber auf das Unglück. Du bist zwar nicht die Unglücklichste, aber ist es nicht eure Meinung, liebe [..], dass wir ihr ein ehrenvolles accessit zuerkennen? Das Grab können wir ihr nicht zuerkennen, wohl aber den Platz zunächst am Grabe.
Denn dort steht er, der Abgesandte aus dem Reiche der Seufzer, auserkorener Liebling der Leiden, Apostel der Trauer, des Schmerzes schweigsamer Freund, der Erinnerung unglücklicher Liebhaber, in seinem Erinnern verwirrt von der Hoffnung Licht, in seinem Hoffen getäuscht von der Erinnerung Schatten. Sein Haupt ist beschwert, sein Knie ist erschlafft, und doch ruht er nur auf sich selbst. Er ist matt und doch wie kraftvoll, sein Auge macht nicht den Eindruck, als hätte es viele Tränen vergossen, wohl aber sie getrunken. Und doch lodert ein Feuer darin, das die ganze Welt verzehren könnte, aber nicht einen Splitter der Trauer in seiner eigenen Brust; er ist gebeugt und doch verheißt ihm seine Jugend ein langes Leben, seine Lippe lächelt über die Welt, die ihn missversteht. Seht auf, liebe [..], verneigt euch, ihr Zeugen der Trauer, in dieser feierlichen Stunde. Ich grüße dich du großer Unbekannter, dessen Namen ich nicht weiß, ich grüße dich mit deinem Ehrentitel: der Unglücklichste. Sei gegrüßt hier in deinem Heim von der Gemeinschaft der Unglücklichen, sei gegrüßt beim Eingang in die demütige niedrige Behausung, die doch stolzer ist denn alle Paläste der Welt. Siehe, der Stein ist abgewälzt, des Grabes Schatten erwartet dich mit seiner lieblichen Kühle. Doch vielleicht ist die Zeit noch nicht da, weit vielleicht noch der Weg; aber wir geloben dir, uns öfter hier zu versammeln, um dich um dein Glück zu beneiden. So empfange denn unseren Wunsch, einen guten Wunsch: möge keiner dich verstehen, aber jeder dich beneiden; möge kein Freund sich dir gesellen, möge kein Mädchen dich lieben, möge keine heimliche Sympathie deinen einsamen Schmerz ahnen; möge kein Auge deine ferne Trauer ergründen; möge kein Ohr deinen geheimen Seufzer erspüren! Oder verschmäht deine stolze Seele solch mitleidigen Wunsch, verachtet sie die Linderung oh, so mögen denn die Mädchen dich lieben, mögen die Schwangeren in ihrer Angst sich zu dir flüchten; mögen die Mütter auf dich hoffen; möge der Sterbende Trost bei dir suchen; mögen die Jungen sich dir gesellen; mögen die Männer auf dich bauen; möge der Greis nach dir greifen wie nach einem Stab – möge die ganze Welt glauben, du seiest imstande, sie glücklich zu machen. So leb denn wohl, du der Unglücklichste! Doch was sage ich: „der Unglücklichste“? „Der Glücklichste“, sollte ich sagen, denn dies ist ja gerade eine Gabe des Glücks, die niemand sich selber zu geben vermag. Seht, die Sprache versagt, und der Gedanke verwirrt sich; denn wer ist schon der Glücklichste. Es sei denn der Unglücklichste, und welcher der Unglücklichste, es sei denn der Glücklichste, und was ist das Leben anderes als Wahnsinn, und der Glaube anderes als Torheit, und die Hoffnung anderes als Galgenfrist, und die Liebe anderes als Essig in der Wunde.
Er ist entschwunden, und wir stehen wieder an dem leeren Grab. So wollen wir ihm denn Frieden und Ruhe und Heilung wünschen, und alles nur mögliche Glück, und einen baldigen Tod, und ein ewiges Vergessen, und kein Gedenken, dass auch nicht die Erinnerung an ihn einen anderen unglücklich mache.
Stehet auf, liebe [..]! Die Nacht ist vorüber, der Tag beginnt wieder seine unermüdete Tätigkeit, niemals, wie es scheint, überdrüssig, immer und ewig sich selbst zu wiederholen.




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Buchfetzen.

Die Vielfalt Religiöser Erfahrungen | William James | insel taschenbuch

ISBN 3-458-33484-X 

DIE VIELFALT RELIGIÖSER ERFAHRUNG

(William James)

*

Der weise Kritiker ist ein sich wandelndes Wesen, unterworfen der besseren Einsicht des morgigen Tages und in jedem Augenblick nur „bis jetzt“ und „im großen und ganzen“.

[..]

Ich glaube tatsächlich nicht daran, dass wir oder irgendein Sterblicher irgendwann einmal zu einer absolut unangreifbaren und unverbesserlichen Wahrheit über solche Tatbestände vorstoßen werden, mit denen sich die Religion beschäftigt. Aber ich verwerfe dieses dogmatische Ideal nicht aus einem perversen Vergnügen an intellektuellem Wankelmut.

[..]

Frömmigkeit ist die Maske, der Stammesinstinkt ist die treibende Kraft. Sie glauben sowenig wie ich, dass – trotz des christlichen Pathos, mit dem der deutsche Kaiser seine Truppen auf den Weg nach China schickte – das Verhalten, zu dem er sich aufforderte und indem andere christliche Armeen sie übertrafen, auch nur das geringste mit dem religiösen Innenleben derer zu tun hatte, die an der Kriegshandlung beteiligt waren.

[..]

Große Kunstrichtungen erfüllen ihre Offenbarungsmission ebenfalls auf Kosten einer Einseitigkeit, für die andere Richtungen einen Ausgleich schaffen müssen.

[..]

Im Leben der so genannten Heiligen sind die spirituellen Fähigkeiten stark, aber was den Eindruck der Überspanntheit hervorruft, erweist sich bei näherer Prüfung gewöhnlich als ein relativer Mangel an Intellekt.

[..]

Wenn also „Freidenker“ uns erklären, dass Religion und Fanatismus Zwillinge seien, können wir diese Vorwurf nicht uneingeschränkt zurückweisen. – Der Fanatismus muss so lange auf der Sollseite der Religion vermerkt werden, wie der Verstand des religiösen Menschen sich auf einem Niveau bewegt, das durch einen despotischen Gott befriedigt wird. Sobald jedoch der Gott als jemand vorgestellt wird, der weniger auf seine Ehre und Herrlichkeit bedacht ist, hört der Fanatismus auf, eine Gefahr darzustellen.

Fanatismus findet sich nur in herrischen und aggressiven Charakteren. Bei sanften Charakteren, bei denen die Hingabe tief und der Verstand schwach ist, sind alle praktischen menschlichen Interessen in der Liebe zu Gott aufgegangen, was, so unschuldig es daherkommt, zu einseitig ist, als dass es bewundernswert sein könnte. Ein beschränkter Geist hat nur für eine bestimmte Art von Gefühlen Platz. Wenn die Liebe zu Gott von einem solchen Geist Besitz ergreift, treibt sie alle menschliche Liebe und alle menschlichen Zwecke aus. Es gibt kein englisches Wort für solch einen süßen Exzess der Hingabe; darum werde ich zukünftig von einer theopathischen Verfassung reden.

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Als Luther in seiner überaus männlichen Art mit einem Handstreich die ganze Vorstellung einer Soll- und Habenrechnung, die der Allmächtige für jedes Individuum erstellt, beiseite fegt, erweitert er den Vorstellungsraum der Seele und bewahrt die Theologie vor Kindereien.

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Es ist besser, wenn ein Leben manchen Schmutz auf sich zieht, als wenn es bei seinen Bemühungen, unbefleckt zu bleiben, jeden Nutzen verliert.

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So wie es keine schlimmere Lüge gibt als eine Wahrheit, die von denen, die sie hören, missverstanden wird, so sind vernünftige Argumente, Aufforderungen zur Grußmut und Appell zum Mitgefühl oder zur Gerechtigkeit Torheit, wenn wir es mit Menschen zu tun haben, die den Charakter eines Krokodils oder einer Boa constrictor haben.

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Herbert Spencer lehrt uns, dass vollkommenes menschliches Verhalten nur dann vollkommen erscheinen wird, wenn seine Umgebung vollkommen ist; einer schlechten Umgebung kenn es sich nicht anpassen. Wir können dies umschreiben indem wir freimütig gestehen, dass das Verhalten eines Heiligen das denkbar vollkommenste Verhalten in einer Umgebung ist, in der bereits alle Heilige sind; müssen aber zugleich hinzufügen, dass es in einer Umgebung, wo nur wenige Heilige sind und viele das genaue Gegenteil von Heiligen, es notwendig schlecht angepasst ist.

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Das Wilde und das Heroische sind in der Tat so mit dem Leben verwurzelt, dass die robuste Geistesart mit ihrem sentimentalen Optimismus von einem nachdenklichen Menschen kaum als eine ernsthafte Lösung betrachtet werden kann.

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Wir haben nicht einmal mehr die Fähigkeit, uns vorzustellen, was das alte Armutsideal bedeutet haben könnte: Freiheit von materiellen Bindungen, eine unbestechliche Seele, eine mannhaftere Form von Gleichgültigkeit, ein Stehen auf eigenen Füßen durch das, was wir sind oder tun, und nicht durch das, was wir haben, das Recht unser Leben in jedem Augenblick wegwerfen zu können, ohne dafür jemandem dafür Rechenschaft zu schulden – kurz: ein athletischer Zuschnitt, eine moralische Kampfhaltung.

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Was die intellektuellen Ansprüche betrifft, sollten wir daran denken, dass es nicht fair wäre, die möglicherweise festzustellende Beschränktheit immer dem Einzelnen als Versagen zuzurechnen, denn dieser übernimmt seine Beschränktheit in religiösen und theologischen Dingen wahrscheinlich von seinen Zeitgenossen.

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Der geborene Heilige hat zugegebenermaßen etwas an sich, was beim Sinnesmanschen Brechreiz auslöst, so dass es der Mühe wert ist, den fraglichen Gegensatz etwas eingehender zu betrachten.

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Die großen Heiligen erzielen Sofortwirkung; die kleineren sind zumindest Herolde und Vorboten und können der Sauerteig für eine bessere Weltordnung sein.

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3.6.07 16:23, kommentieren

Literarisches Zirkeltraining.

Es ist immer dasselbe. Alles wiederholt sich und am Ende kommt es nur auf Zähigkeit an, auf nichts sonst, auf Kondition, auf Fingerfertigkeit, aufs harte Durchbeißen. Kopfleer schreibe ich Zeile für Zeile, Schachtelsätze, ich verschachtle, verfrachte mich, schleudere zwischen metaphorischen Abriss, auf Pappe, auf Papier noch einen Dreck Lyrik. Oder Dispersionsfarbe. Am liebsten dunkelgraugrün. Es ist alles ein bisschen leichter wenn man schreibt, das bildet man sich ein; man muss nicht wissen worüber, man muss nur schreiben, um das Gefühl zu haben. Irgendein Gefühl.


(..)

Ich muss lesen, irgendwelche Bücher, Sachbücher, Lexika, autobiographisches Zeug, intelligente Bücher mit apokalyptischen Sinnphrasen und durchschlagendem Geist. Ich habe nie verstanden, nie habe ich verstanden, was ich las, aber ich las um zu lesen, weil das, -unermüdlich sagt man mir: der bessere Weg sei, oder der intellektuellere, ein disziplinierter, stilisierter Weg, der Weg ist das Ziel, der Weg ist ein ausgelatschter, voll gekotzter Bordstein. Und, irgendwie blieb mir das nachhaltig zueigen, ich verrichte noch heute motorischer Weise in antrainierter Handlungsabfolge irgendwelche Tätigkeiten, ohne zu wissen, weshalb. Ich verstehe das Leben nicht, ich habe es gelernt, aber verstehen, verstehen will ich es nicht im Geringsten, ich kann es nicht verstehen, nicht weil ich nicht wollte, ich meine mir fehlt die kognitive, hirnrindenverkümmerte Kompetenz dazu. Ich kann keine Brücke schlagen. Zu den Menschen. Diese herzflimmernden Menschen, diese dummschraffierten Pantoffeltierchen sind mir fremd und doch fällt man ihnen immer wieder zu. Ich bin naiv, Gott bin ich naiv, ich habe kein Misstrauen gelernt, weiß der Teufel von wem ich das, aber ich nehme ahnungslos alles für Gut, immer wieder lege ich meinen gleich-, und langmütigen Herzton in die Hände dieser unglaubwürdigen Menschen und, jedes Mal wieder widermirselbst bekommst du ich du mit voller Wehemenz ungebremst einen warmsatten Keulenschlag ins Gesicht gedroschen. Ich bin dumm, sagen wir einfach und mit schlichten Worten: strohdumm. Man soll die Poesie nicht überstrapazieren. - Zu dumm für dieses komplizierte undurchdringbare Leben, ja so ist es, ich begreife es nicht. Die Menschen sprechen eine andere Sprache, sie reden wirres Zeug, verstehen sich untereinander, aber ich, so wahr ich ihnen zuhöre und unter ihnen leben muss, ich habe nicht den geringsten Begriff davon, was sie reden ..


ich muss mich korrigieren
Zeit bringt Erkenntnis


es ist nicht ganz richtig, mein Wort ist nicht tief genug, man will den Gedanken an der Wurzel anpacken und ausheben. Ich verstehe das Leben, ich habe es eine Zeitlang betrieben wie Kernspaltung, die Menschen sind Mathematik, sind gefangen in einem moralisierenden Zirkelrund und verhalten sich im ihrer Zeit eingestellten Bogen. Man ist stets versucht diesem einfachen und berechenbaren Wesen ein Mysterium anzudichten. Aber, das ist Unfug. Es ist einfach, es ist schlicht nichts sagend monoton idiotisch einfach und, ich kann es nicht verinnerlichen. Das ist das Problem; kann am Ende eines Tages nicht anders, als es dieses alles im Schwall wieder auszukotzen, wie ich es einsehe, einatme, es mich eindringt..


schlechterdings
im Wendekreis der Zeit


oder guterdings, man kann es nehmen wie man will. Wieder dieselbe Geschichte, Fragment: man trinkt Wein, man raucht sich die oberen Eingeweide mürb, man redet nicht viel. Früher hatte ich so etwas wie Vorstellungen, ich bin desillusioniert, das ist angenehm liebe Liebe; man geht ins Bett berührt sich, atmet sich, beschläft sich in einem Anflug künstlicher Gefühle, fickt sich im schwarzen Nachtfilz taub zwischen den Schenkeln um der Haut wegen, um der Haut wegen, umderHautwegen. Wegen dann und wann ein bisschen Hautspur und Zartheit. Ich bin Künstler, er sagt - ich liebe dich, legt seinen Kopf an meine Schulter und meint, es war ganz gut, nichts weiter. Danke. Bitte. Das meine ich auch, es ist ehrlich und das macht uns wohl sympathisch, weil man weiß, weil wir wissen, weil es uns letztlich egal ist. Diese Liebe, oder irgendwas. Und, irgendwann gehe ich, weil ich gehen muss und er bleibt, liegt schlafsatt und frühlingstaub im Gesuch seiner Haut, im Schachtelsatz einer Liebe, bleibt. Weil es sein Haus ist, oder sein Bett, oder sein Zimmer, oder.


heute

motorisch rottaub im Maschinenring des Herzens
umgeschachtelt, dunkelgrüngeliebt

monoton

man zirkelt grenzaußen
schlingert grenzinnen
namenlos zirkelt
man

distanziert hautnah
hautunter ungezähmt
überbordend
mundtaub
irgend


weiter..



1.6.07 22:16, kommentieren


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